Courtesey Prime Medicine, aus einen ausführlichen Erklärvideo: https://vimeo.com/814737988?fl=pl&fe=vl

USA: Prime Editing erstmals direkt im menschlichen Körper eingesetzt

Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Prime Medicine testet eine neue Form der Genomeditierung bei Morbus Wilson. Der Ansatz soll einen krankheitsauslösenden Defekt im Erbgut von Leberzellen korrigieren, ohne Zellen zuvor außerhalb des Körpers zu verändern. Noch ist offen, ob daraus tatsächlich eine dauerhafte Therapie wird.

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Ein genetischer Fehler soll verschwinden, ohne dass dafür Zellen aus dem Körper entnommen werden müssen: Das Unternehmen Prime Medicine hat nach eigenen Angaben erstmals einen Patienten mit einer Prime-Editing-Therapie behandelt, die das Erbgut direkt im menschlichen Körper verändern soll. Nature berichtete aktuell darüber. Der Kandidat PM577a wird in einer Phase I/II-Studie bei Morbus Wilson geprüft. Die Erkrankung führt dazu, dass sich Kupfer in der Leber und später auch in anderen Organen anreichert. Ursache sind Mutationen im Gen ATP7B, das für den Transport und die Ausscheidung überschüssigen Kupfers entscheidend ist.

PM577a richtet sich gegen die Variante H1069Q im ATP7B-Gen. Sie zählt in Nordamerika und Europa zu den häufigsten krankheitsverursachenden Mutationen. Das Ziel ist, den Defekt in Leberzellen zu korrigieren und damit deren Fähigkeit zur Kupferausscheidung wiederherzustellen. Anders als bei bisherigen klinischen Prime-Editing-Anwendungen wird das genetische Werkzeug nicht zunächst außerhalb des Körpers in Zellen eingebracht. Es wird als einmalige intravenöse Infusion verabreicht und soll von dort aus die Leberzellen erreichen.

Ein molekulares Suchen-und-Ersetzen-Verfahren

Prime Editing geht auf Arbeiten von Andrew Anzalone im Labor von David Liu am Broad Institute von MIT und Harvard zurück. Die Methode wurde 2019 erstmals in Nature beschrieben. Anzalone entwickelte das Grundkonzept während seiner Postdoc-Zeit in Lius Arbeitsgruppe; beide gehörten später zu den Mitgründern von Prime Medicine.

Technisch kombiniert Prime Editing eine modifizierte Cas9-Nuklease mit einer reversen Transkriptase und einer speziell konstruierten Leit-RNA. Die RNA erkennt die gewünschte Zielstelle und enthält zugleich die Vorlage für die neue DNA-Sequenz. Die Cas9-Komponente setzt einen gezielten Einzelstrangbruch, die reverse Transkriptase schreibt die gewünschte Sequenz an dieser Stelle in das Erbgut. Anders als klassische CRISPR-Cas9-Verfahren muss das System dafür keinen Doppelstrangbruch erzeugen. Es kann einzelne DNA-Bausteine austauschen sowie kurze Sequenzen einfügen oder entfernen.

Für PM577a hat Prime Medicine das Verfahren für den Einsatz in der Leber weiterentwickelt. Das Unternehmen stellt die therapeutische Kombination aus Prime-Editing-Komponenten und Lipidnanopartikeln (LNP) bereit. Diese schützen die molekulare Fracht und ermöglichen ihre Aufnahme in die Zielzellen. Die konkrete Rezeptur und Herstellung des klinischen Materials sind Teil der proprietären Plattform von Prime Medicine; ein externer Hersteller wird in den öffentlich zugänglichen Angaben nicht genannt.

Klinische Prüfung in den USA

Die erste Phase I/II-Studie ist als offene Dosissteigerungsstudie angelegt. Zunächst werden Erwachsene aufgenommen, deren Erkrankung unter der bisherigen Standardtherapie stabil ist. Später sollen auch Jugendliche ab zwölf Jahren teilnehmen können. Geprüft werden Sicherheit, Verträglichkeit und erste Hinweise auf eine biologische Wirkung. Dazu gehören Messungen des Kupferstoffwechsels und der Leberfunktion. Auch soll untersucht werden, ob Patienten ihre bisherige Behandlung im Studienverlauf reduzieren oder absetzen können.

Als Studienzentrum ist bislang unter anderem das ARC Texas Liver Institute in San Antonio, Texas, aufgeführt. Die Behandlung erfolgt durch eine einmalige intravenöse Infusion; anschließend werden die Teilnehmer engmaschig überwacht. Erste klinische Daten stellt Prime Medicine für 2027 in Aussicht. Bis dahin lässt sich nicht beurteilen, ob die genetische Korrektur ausreichend effizient, dauerhaft und sicher gelingt.

Beim „Baby KJ“ war vor wenigen Monaten in einer weltweiten Anstrengung von Forschern und Unternehmen ein allererster direkter Eingriff in eine genetisch bedingte lebensbedrohliche Stoffwechselstörung vorgenommen worden. Bisher mit Erfolg, doch lässt sich über mögliche Langzeitnebeneffekte bisher noch nichts abschließend zur verwendeten Technologie sagen.

Keine Alternative zur Standardtherapie – bislang

Für Menschen mit Morbus Wilson gibt es bereits wirksame Medikamente, die den Krankheitsverlauf bremsen können. Chelatbildner wie D-Penicillamin oder Trientin binden überschüssiges Kupfer und fördern dessen Ausscheidung über den Urin. Zinksalze verringern dagegen die Aufnahme von Kupfer im Darm. Die Behandlung muss in der Regel lebenslang erfolgen und verlangt eine konsequente Einnahme sowie regelmäßige Kontrollen. Bei schweren Verläufen, insbesondere bei akutem Leberversagen oder fortgeschrittener Leberschädigung, kann eine Lebertransplantation notwendig werden. Sie ist bislang die einzige etablierte kurative Option, ist aber mit den Risiken eines großen Eingriffs und der begrenzten Verfügbarkeit von Spenderorganen verbunden.

Prime Medicine setzt mit PM577a deshalb nicht bei der Entfernung des überschüssigen Kupfers an, sondern an der genetischen Ursache der Erkrankung. Das Potenzial einer einmaligen Behandlung ist erheblich – der Nachweis steht jedoch noch aus. Die Studie muss erst zeigen, ob genügend Leberzellen dauerhaft korrigiert werden, ob sich der Kupferstoffwechsel normalisiert und ob unerwünschte Veränderungen an anderen Stellen des Erbguts vermieden werden. Zudem adressiert PM577a zunächst nur Patienten mit mindestens einer H1069Q-Variante. Ein weiterer Kandidat gegen die in Ostasien häufigere Mutation R778L befindet sich noch in der präklinischen Entwicklung.

CRISPR an der Charité: ein anderer Weg

Dass Genomeditierung inzwischen in der klinischen Versorgung angekommen ist, zeigt ein anderer Fall aus Deutschland: An der Berliner Charité wurde im Mai 2026 erstmals ein Patient hierzulande mit dem CRISPR-basierten Arzneimittel Exagamglogene autotemcel (Casgevy) behandelt. Der 19-Jährige leidet an Beta-Thalassämie und ist nach Angaben der Klinik inzwischen nicht mehr auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen.

Anders als bei Prime Editings PM577a erfolgt der genetische Eingriff dabei außerhalb des Körpers. Dem Patienten werden Blutstammzellen entnommen, im Labor mit CRISPR-Cas9 verändert und anschließend zurückgegeben. Casgevy schaltet einen regulatorischen Bereich des Gens BCL11A aus, wodurch die Zellen wieder fetales Hämoglobin bilden. PM577a soll dagegen eine krankheitsverursachende Mutation direkt in Leberzellen korrigieren. Während Casgevy bereits zugelassen ist, wird PM577a noch in einer frühen klinischen Studie geprüft. Beide Ansätze zeigen, wie unterschiedlich Genomeditierung therapeutisch eingesetzt werden kann – und wie weit der Weg von einer molekularen Idee bis zur Behandlung inzwischen reichen kann.

Mit dem Ansatz der Gen-Reperatur ist auch das in Dresden beheimatete Unternehmen Seamless Therapeutics unterwegs. Dort werden jedoch speziell und sequenzspezifisch designte Rekombinasen als Werkzeuge eingesetzt.

Zwei unterschiedliche Wege der Genomeditierung

Prime Medicine: PM577a Charité: Exa-cel / Casgevy (vertex, CRISPR Therapeutics)
Erkrankung Morbus Wilson Beta-Thalassämie, außerdem Sichelzellkrankheit
Ziel Korrektur einer krankheitsverursachenden Mutation im ATP7B-Gen Aktivierung der Bildung von fetalem Hämoglobin
Verfahren Prime Editing CRISPR-Cas9
Wo erfolgt der Eingriff? Direkt im Körper, in Leberzellen (in vivo) Außerhalb des Körpers, in entnommenen Blutstammzellen (ex vivo)
Verabreichung Einmalige Infusion mit LNP-formuliertem Editiersystem Entnahme der Stammzellen, genetische Veränderung im Labor, Rückübertragung
Entwicklungsstand Klinische Phase I/II Seit 2024 in der EU bedingt zugelassen

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